Studium Integrale Journal - Home Studium Integrale Journal 23. Jg. Heft 1 - Mai 2016
Druckerfreundliche Ansicht dieser Seite



Martin Kuckenburg
Wer sprach das erste Wort? Die Entstehung von Sprache und Schrift.

Rezension von Wolfgang Lindemann

Studium Integrale Journal
26. Jahrgang / Heft 1 - April 2019


Martin Kuckenburg. Wer sprach das erste Wort? Die Entstehung von Sprache und Schrift. Konrad Theiss Verlag 3. (4.) aktualisierte und erweiterte Auflage 2016. 272 Seiten, 94 Abbildungen.

Sprache und Schrift ermöglichen dem Menschen die Kommunikation geistiger Inhalte und sie ist das zentrale empirisch zugängliche Merkmal, das ihn in auch in naturalistischer Sicht vom Tier unterscheidet. Die von Darwin begründete Evolutionstheorie sagt die Entstehung ausnahmslos aller menschlichen Eigenschaften „von selbst“ vorher. Folglich muss auch die „Evolution“ der menschlichen Sprachfähigkeit und Sprachen ohne einen planenden Schöpfer durch zufällige Mutation und anschließende Selektion vorteilhafter und meist kleinster Veränderungen theoretisch angenommen werden.

Bestätigt unser Wissen über menschliche Sprachen und deren Entwicklung während historischer Zeiträume diese Annahme – ein Wissen, das bis zu 5 Jahrtausende zurückreicht? Was kann von menschlichen Fossilien und Artefakten indirekt über die menschliche Sprachfähigkeit erschlossen werden? Was wissen wir über die Ursprache der Menschheit? Darum geht es im ersten Teil eines jetzt in 4. Auflage erschienenen Buches „Wer sprach das erste Wort. Die Entstehung von Sprache und Schrift“.

Der Autor ist Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor. Geboren 1955 in Erfurt, ist Martin Kuckenburg in Thüringen aufgewachsen und schreibt zu Themen der menschlichen Vor- und Frühgeschichte: Neandertaler, die ersten Europäer, altsteinzeitliche Kultstätten und Siedlungen in Deutschland mit einem Schwerpunkt auf der Kultur der Kelten, und Entstehung von Sprache und Schrift. Das rezensierte Buch erschien erstmals 1989 und ist jetzt in 3. Auflage (nach anderer Zählung 4. Auflage –  1989 & 1996, 2004 und jetzt 2016) erweitert und aktualisiert aufgelegt worden, seit 2004 unter Förderung durch die „Wissenschaftliche Buchgesellschaft“. Der Umfang des ersten Teils über die biologische Evolution der menschlichen Sprachfähigkeit und Sprache – 104 der 248 Seiten, hat dabei gegenüber der Vorauflage 2004 um 8 Seiten zugenommen. Der Text wurde im Wesentlichen erweitert – fast nie gekürzt oder neu formuliert. Nur diesem ersten Teil gilt diese Rezension.

Bereits in der Antike sind die zwei grundsätzlichen Sprachentstehungstheorien vertreten: „Die Sprache wurde den Menschen von den Göttern gegeben“ versus „Die Sprache wurde vom Menschen entwickelt“, so beginnt Kuckenburg im 1. Kapitel des Buches. Im 18. Jahrhundert wurde die Diskussion wieder aufgenommen – noch vor Darwin stellten Philosophen der Aufklärung wie Herder die Berichte der biblischen Urgeschichte in Frage.

Um das Wesen menschlicher Sprache besser zu verstehen, deren Einzigartigkeit und damit auch die Einzigartigkeit des Menschen, ist die Abgrenzung von Tier„sprachen“ sinnvoll: Man redet besser von „Tierkommunikation“, denn, wie Kuckenburg im 2. Kapitel ausführt, Tiere tauschen Informationen nicht nur akustisch, sondern auch durch visuelle, taktile und olfaktorische Reize aus. Dabei können reich strukturierte Äußerungen wie Vogelgesang nur die einfache Botschaft „Revier besetzt“ oder „suche Weibchen“ senden. Bei sozial lebenden Tieren – beispielsweise Hunden oder Affen, aber auch Wirbellosen wie Bienen – werden komplexere Inhalte übermittelt, und die Interaktionspartner reagieren auf die empfangenen Informationen bzw. passen die gesendeten Informationen der Situation und der Umgebung an. Tierkommunikation beinhaltet mehr als instinktgesteuerte, reflexhafte Gefühlsäußerungen, sondern entspricht dem Gesamt ihres jeweiligen Sozialverhaltens (vgl. Scholl 2018 als Überblick zu Affe-Mensch-Unterschieden).

Ein Unterschied zwischen Tierkommunikation und menschlicher Sprache ist, dass Tiersignale „nicht für eine Verständigung über abstrakte Dinge, über Fernliegendes, Vergangenes oder Zukünftiges geeignet (sind)“ (S. 38). Kuckenburg erklärt das mit dem Fehlen eines Selektionsdrucks, eine solche Fähigkeit zu entwickeln: „Im Leben und Denken der Tiere spielen solche Kategorien offenbar keine allzu große Rolle, weshalb sich auch kein entsprechendes kommunikatives Instrumentarium zu entwickeln brauchte“ (ibidem).1

Aber auch heute bleibt ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Tierkommunikation und Menschensprache festzuhalten: Tierische Kommunikationssysteme sind sehr eng beschränkt – und abgeschlossen, nicht nennenswert erweiterbar. Sprache dagegen hat so gut wie keine Grenzen im Hinblick auf Art und Menge der übermittelbaren Informationen. Grund dafür ist die „doppelte Gliederung der Sprache“: Vielleicht maximal 60 für sich genommen bedeutungslose Grundlaute („Phoneme“) können zu einer großen Zahl von bedeutungstragenden Einheiten („Morpheme“) zusammengesetzt werden, die sich wiederum zu Worten und Sätzen syntaktisch kombinieren lassen. Weder die Bedeutungsinhalte noch die Regeln des Zusammensetzens sind vorgegeben, sondern sind das Ergebnis von Vereinbarungen.

Dieser Unterschied lässt sich nicht mit einem einzigen Ausdruck bezeichnen wie „menschliche Sprache ist abstrakt, tierische nicht“ (das stimmt nämlich nicht). In unserer Sprache gibt es vielmehr kein einzelnes geeignetes Wort, um diesen Unterschied zu beschreiben; das heißt aber nicht, dass es diesen Unterschied an sich gar nicht gäbe.

Was weiß man über die „Ursprache der Menschheit“? Nichts, und man wird nie viel wissen. Das ist eine der Schlussfolgerungen Kuckenburgs. Ihre historische Erforschung ist nur seit der Entstehung von Schrift empirisch möglich. Die heute existierenden Sprachen lassen sich zu Sprachfamilien zusammenfassen – Indogermanische Sprachen, Semitische Sprachen usw., deren jeweilige Stammsprache sich leidlich rekonstruieren lässt. Eine Zusammenfassung mehrerer – oder aller – Sprachstämme zu „Supersprachstämmen“ ist als Rekonstruktion 2. Ordnung mit so viel Unsicherheit behaftet, dass sie technisch nicht mehr möglich sei. Erfolgversprechender sei es, nach dem „Wann“ und dem „Warum“ der Sprachentstehung zu fragen.

In Kapitel 3 beschreibt Kuckenburg fossile Belege für die grundsätzliche Sprachfähigkeit von Neandertaler und Homo erectus. Das für die Artikulation von Sprache wichtige Brocazentrum ist wahrscheinlich bereits beim 500 000 radiometrische Jahre alten so genannten „Sinanthropus“ (Homo erectus) nachweisbar, der Mund-Rachen-Raum des Neandertalers ermöglichte ihm wohl ähnlich wie dem Homo heidelbergensis – und anders als Großaffen – die Hervorbringung „menschlicher“ Sprachlaute.

In Kapitel 4 gibt Kuckenburg Belege für kulturelle Leistungen bereits von Homo erectus, welche nicht durch bloßes Nachahmen tradierbar sind, sondern verbale Anleitung benötigen: Lagerplätze mit Feuer- und Kochplätzen, Behausungen, teilweise komplexe Werkzeuge und Kleidungsstücke sowie kleine Kunstwerke und nicht zuletzt die berühmten Speerfunde in Schöningen, die modernen Sportwaffen nicht nachstehen.  Dass Neandertaler nicht nur sprechen konnten, sondern es zweifellos taten, lässt sich an ihren Werkzeugen, Höhlenmalereien oder Totenbestattungen ablesen (und wurde schon oft beschrieben z. B. neuerdings Brandt 2018).

Die Vorstellung, es könne ein einzelnes menschliches „Sprachgen“ (FoxP2) geben, geht an biologischen Elementarkonzepten vorbei – ähnlich wie die antike Suche nach dem Theriak, dem Medikament, das alle Krankheiten heilen kann, an medizinischen Elementarkonzepten vorbeigeht. Der Grund ist einsichtig: Sprache ist ein viel zu komplexes Phänomen, als dass es nur mit einem einzigen Gen korrespondieren könnte: FoxP2 ist ein hochrangiges Regulatorgen, dass einen Embryonalentwicklungsprozess anschaltet, aber bei weitem nicht hinreichend für Sprachfähigkeit ist.

Kuckenburg ist ein seriöser Autor und präsentiert im 5. und letzten der Sprachevolution gewidmeten Kapitel die fachlich richtigen Schlussfolgerungen zu Sprache und Sprachevolution. Aber er ist auch Journalist – und daher widmet er überproportional viel Raum allen möglichen fachlich unseriösen Erklärungsansätzen. Er stellt diese als erfolgsversprechender dar, als sie es sind, auch wenn er am Ende doch (kurz) immer die fachlich korrekten Schlüsse zieht, dass es keine Belege für Sprachevolution gibt.

Die linguistische Unterteilung des Phänomens „Sprache“ in Lexik, Morphologie („Formenlehre“) und Syntax fehlt in Kuckenburgs Buch vollständig und entsprechend fehlen Überlegungen, wie jede dieser „Teilkomponenten“ von Sprache entstanden sein könnte. Und trotz der seit 15 Jahren vorliegenden Gesamtdarstellung von Liebi (2003) ist nie auch nur angedeutet, dass in allen bekannten Sprachen ständig morphologische Vielfalt verlorengeht – Kasus fallen in der Deklination weg, Tempora, Modi und Genera verschwinden in der Konjugation – das genaue Gegenteil von postulierter evolutionärer Höherentwicklung: Zum Beispiel hatte das rekonstruierte Indogermanisch 8 Kasus, Altgriechisch hat bei Mitzählung des bereits reduzierten Vokatifs 5 und Neugriechisch noch 3. Ähnlich hatte Lateinisch 6 Kasus und (geschriebenes) Französisch noch 4, deren Endungen sich zudem soweit reduziert haben, dass sie meistens lautgleich sind.2

Die gewichtigsten Argumente gegen eine evolutionäre Sprachentstehung werden aber in diesem Buch nicht einmal erwähnt: Argumente aus der Bioinformatik. Mittlerweile gibt es mit viel menschlichem Fachwissen aufgebaute Spracherkennungssysteme, die dank viel Computerpower und hochkomplexen Algorithmen wenigstens einfache Sätze verstehen können. Und wenn wir heute eine recht gute Vorstellung haben, wie Spracherkennung und zentralnervöse Informationsverarbeitung funktioniert (Einführung z. B. Churchland & Sejnowski 2016), so führt das doch aus Sicht des Rezensenten lediglich zu der Einsicht, dass wir erkennen, wieviel „Design“ nötig ist, um „sprechende“ technische Systeme zum Laufen zu bringen und dass wir damit nur weiter als je zuvor von einer naturalistischen Erklärung von Sprache und Sprachfähigkeit entfernt sind: Es gibt ja noch nicht einmal brauchbare Hypothesen zur Entstehung von Neuronen, geschweige denn zur Genese ihrer Interaktion (Winkler 2009).


Anmerkungen

1 Ist dem wirklich so? Viele Tierpopulationen sind Schwankungen der ökologischen Ressourcen ausgesetzt – in jahreszeitlichen oder längeren Perioden. Wäre da nicht „Vorsorge“ und „Erfahrungsübermittlung“ von erfahrenen Alttieren ein Überlebensvorteil? Das geschieht ja auch nonverbal, z. B. durch Leitkühe in Elefantenherden.
 
2 Eine detailliertere Darstellung dieses Sachverhaltes ist www.genesisnet.info geplant.


Literatur

Brandt M (2018)
Frühe Homininen. Studium Integrale Special. Holzgerlinge.
Churchland P & Sejnowski T (2016)
The computational Brain. MIT Press Verlag Boston USA 25th anniversaira edition.
Liebi R (2003)
Herkunft und Entwicklung der Sprachen: Linguistik contra Evolution. Holzgerlingen.
Scholl B (2018)
Affe = Mensch? Ein Überblick über verhaltensbiologische Unterschiede zwischen Affen und Menschen. W+W Special Paper B-18-1; www.wort-und-wissen.de/artikel/sp/b-18-1_affe-mensch.pdf
Winkler N (2009)
Der hat Nerven! – Woher kommen die Neuronen? Stud. Integr. J. 16, 108–109.


Studium Integrale Journal 26. Jg. Heft 1 - April 2019